Circus Roncalli: Jubiläumstournee 2016

In diesem Jahr feiern Zirkusdirektor Bernhard Paul und seine Familie unter dem Motto »Reise zum Regenbogen« mit einer Jubiläumstournee 40 Jahre erfolgreiches Bestehen ihres im Jahre 1976 gegründeten, mittlerweile aus der Zirkuswelt nicht mehr wegzudenkenden

Circus Roncalli.

Wir haben die Show am Freitag, dem 1. April besucht. Nach den Regentagen in den letzten Wochen zeigte sich endlich wieder die Sonne, so dass die gut besetzte Nachmittagsvorstellung auf dem Konrad-Adenauerplatz in Recklinghausen bei schönstem Frühlingswetter stattfinden konnte. Fast erfüllte sich die Erwartung, einen schillernden Regenbogen über dem klassischen Zelt und der historischen Wagenburg des Circus Roncalli sehen.

Zum Empfangskomitee zählen Musicalstar Marlitt Werner (herausgeputzt als vornehme Rokoko-Dame) und Roncalli-Conférencier, Comedy-Größe Ramon, der die Gäste im schönsten und breitesten holländischen Dialekt herzlich begrüßt. Im lecker nach frischen Brezeln, Zuckerwatte, Popcorn und gebrannten Mandeln dufteten nostalgischen Foyer, das an einen bunten Jahrmarkt erinnert, bieten gut gelaunte Artisten und Clowns den kleinen und großen Zirkusbesuchern einen kleinen Vorgeschmack auf die Vorstellung.

Auf dem Weg ins Hauptzelt wird man mit Konfetti satt überstreut, − und wer möchte, kann sich von den hübschen, in roten Livrees gekleideten jungen Damen des Ensembles eine Clownsnase oder ein Herzchen aufmalen lassen und das Jubiläumsprogrammheft nebst reichbebilderter Circus Roncalli-Jahresillustrierte kaufen, in der man die ereignisreiche Geschichte des Circus Roncalli von 1976 – 2016 nachlesen kann.

“Licht und Handys aus, Spot an!” heißt es pünktlich um 15:30 Uhr, und der zum festen Roncalli-Ensemble zählende Weißclown Gensi, alias Fulgensi Mestres aus Spanien, verkündet die bekannten klassischen Roncalli-Circus-Zauberworte ”Werden Sie Kind, werden Sie Clown”.

Und schon stürmen zum Auftakt − zu fetziger Musik vom Roncalli-Live-Orchester − acht junge Wirbelwinde vom Circus-Theater Bingo herein, springen mit Seilchen und Bällen durch die Manage und toben sich unter der Zirkuskuppel an Strapaten und Vertikaltuch aus. Das mehrfach in Monte Carole preisgekrönte Artisten-Potpourri um die innovative Choreographin Iryna German sprüht vor Energie und legt einen gelungenen Auftritt hin. Toll, wie ein Paar − jeweils in Spagat-Pose − sich in luftiger Höhe Bein an Bein berührt.

In luftiger Höhe bezaubert auch die nächste Künstlerin das Publikum: Vivi Paul, die älteste Tochter von Zirkusdirektor Bernhard Paul und seiner aus einer traditionsreichen italienischen Zirkusfamilie stammenden Gattin Eliana Larible. Vom ihrem Lampenfieber, das in einem interessanten Welt-Online-Artikel erwähnt wird, ist nichts mehr zu spüren, als die hübsche junge Dame − gekleidet als schwarz-weißer Harlekin − ohne Netz und Sicherheitsseil in ihrem Luftring turnt. In einer Halsschlinge dreht sie zum Ausklang ihrer Show atemberaubende Pirouetten und versprüht Goldstaub wie eine Elfe. Ein dreifaches »bellissima, supereterodina und molto› von uns für ihre spritzige Luftnummer.

Mit Power, spanischen Klängen und zwei kräftigen, als spanische Edelleute gekleideten Cavaliers und einer zierlichen Señorita geht es weiter im Programm. Die drei Artisten mit einer gehörigen Portion Paprika im Blut bilden das Trio Czsasar. Spielerisch leicht sieht es aus, wenn das preisgekrönte Trio aus Ungarn in die Vollen geht und die Brüder Gàbor & Péter Csàszàr zu zweit auf’s Schleuderbrett springen und ihre Partnerin Cornelia Abràn mit mehrfachen Saltos und Schrauben durch die Luft fliegen lassen. Ein dreifaches »Olé« für die sowohl perfekt dargebotene, als auch überaus temperamentvolle Show.

Huch, was ist das denn? Ein kleiner Clown mit knorrigen Knien, bekleidet mit einem minikurzen giftgrünen Bademantel und ebenso giftgrünen Schuhen stolpert mit einem großen Koffer in die Manege. Trägt der unter seiner hautengen Leggings etwa Windeln? Das Kerlchen entpuppt sich als das Mitglied Anatoli der »Roncalli Royal Clown Company« und stellt mit drei Zigarrenkisten unter Beweis, dass es ausgezeichnet Jonglage, Pantomime und Stepptanz beherrscht.

Danach zeigt Lili Paul (die jüngere Schwester von Vivi) mit ihrer anmutigen Kontorsions-Darbietung, dass sie nicht nur genauso attraktiv, sondern als waschechtes Zirkuskind ebenso talentiert ist wie ihre große Schwester. Wunderschön anzusehen, wie die graziöse junge Dame im Kopfstand abwechselnd mit Händen und Füßen glitzernde nachtblaue Tücher wie Schirme tanzen lässt. Auch für sie ein dreifaches »bellissima, supereterodina und molto«.

Leger und mit schief sitzender Schirmkappe kommt der nächste Künstler daher: Robert Wicke mit seiner schrägen Beat-Box-Nummer. Urkomisch, wie der junge Comedian aus Niedersachsen sich als DJ betätigt, eine unsichtbare LP auf einem unsichtbaren Plattenteller kreisen lässt und ein wahres Feuerwerk an Geräuschen zündet: Mal eierts, mal hat die Platte ’nen Sprung, aber dann nimmt die Musik immer mehr an Schwung auf. Der junge Mann nimmt es »solo« glatt mit dem Orchester auf und das Publikum rockt und rappt begeistert im Takt mit.  🙂

Ein echter Hingucker sind die nacheinander herein trabenden vierbeinigen Stars von Horse Trainer Karl Trunk aus Hamburg, der als Pferdeflüsterer des Circus Roncalli gilt. Der Gegensatz könnte kaum größer sein, wenn sich die kleine Diva mit rosa Schleife in der Mähne (ein winziges Shetlandpony),  unter dem Bauch des sanften Riesen »Sunny« − der als Shire-Horse zu der größten Pferderasse der Welt gehört − platziert. Bei seiner großartigen Dressurnummer wird Karl Trunk von Roncalli Circus-Tochter Vivi Paul unterstützt, die gleichzeitig mehrere große und weniger große Rösser besser im Griff hat, als anschließend Weißclown Gensi seinen einzigen garstigen, und halsstarrigen Klepper »Pierre«.  🙂

Soso, unser holländischer Freund Ramon würde gern auch einmal einen Auftritt hinlegen. 🙂 Mit einem kleinen gemeinen (aber immer wirkungsvollen) Trick schafft er es, seine Kollegin Marlitt Werner von dem für ihren Einsatz vorbereiteten Tisch mit Glocken in verschiedenen Größen wegzulocken, um selbst ein Debüt zu geben. Los geht’s: Ruck zuck wählt Ramon aus dem Publikum eine Dame, zwei Herren und einen Jungen aus. Schafft es der übereifrige Holländer zusammen mit seinen vier Assistenten ein Glockenkonzert zu veranstalten? Yes, he can! Nach kurzem Üben und »Einläuten« die Tonleiter rauf und runter, ertönt klar und deutlich das bekannte Kinderlied »Guten Abend, Gute Nacht«.

Was Ramon mit seinen Glöckchen Recht ist, ist Weißclown Gensi und seinen »musikalischen Handschuhen«, billig. Fröhlich pfeifend rennt er durch die Ränge, während die Manege für den zweiten Auftritt der acht Akrobaten vom Circus-Theater Bingo für ihre rasante Pole-Dance-Nummer umgebaut wird. Auch an den insgesamt drei Polemasten glänzt das temperamentvolle Ensemble durch professionelles Krachenlassen akrobatischer Leistungen.

Schon Zeit für die große Pause? Multitalent Robert Wicke läutet bei seinem Auftritt Nummer 2 mit einem lustigen Sketch erst einmal 20 Minuten Unterbrechung ein.  😉

Inzwischen bauen die fleißigen Helfer vom Circus Roncalli auf der Bühne zwei haushohe Klettertürme auf: Das Rüstzeug für das junge und durchtrainierte − im Winter 2014 beim Festival Mondial du Cirque de Demain in Paris mit Silber ausgezeichnete − Quartett namens „Lift„. Ein Name, den man sich merken sollte. Mit ihrem Programm − die beiden sich auf den Türmen gegenüberstehenden Männer schwingen abwechselnd ihre beiden weiblichen Partner mal an den Händen, mal an den Füßen wie ein Pendel frei durch die Luft − sind sie ein unbedingtes Highlight der Show und präsentieren mit ihren gewagten »Luftsprüngen« eine akrobatische Spitzenleistung, die wir in dieser Art noch nicht gesehen haben. Musikalisch live begleitet wird ihr Auftritt von einem weiteren neuen Circus Roncalli-Glücksgriff, der stimmgewaltigen Sängerin Marlitt Werner, die Presseberichten zufolge erst kürzlich von der Musicalbühne in die Manege gewechselt ist.

Nee, ist der süß. Nachdem sich Tollpatsch Anatoli durch ein angerichtetes Malheur gezwungen sieht, einen Besucher als mobile Absicherung der Unfallstelle an einen Masten zu fesseln, übermannt ihn die Müdigkeit: Gute Nacht, kleiner Clown.  🙂

Derweil wurde passend dazu in der Manege eine große weiße Mondsichel platziert, auf der von einem Ende zum andern ein Drahtseil gespannt ist: Das Utensil für den poetischen und traumhaft schönen Seilakt von Seiltänzerin Yana Pykhova, die zusammen mit ihrem Partner das Duo Pykhov präsentiert. Während sie − ganz klassische Primaballerina − graziös und leichtfüßig mit einem großen roten Fächer auf der Mondsichel wie über einen auf dem Rücken liegenden Regenbogen tanzt und sie zum Schaukeln bringt, gibt er als Tambour den Takt ihrer Schritte mit seiner Trommel vor.

Nach einer kurzen gemeinsamen Einlage von Ramon und Schelm Anatoli − der in seinem schwarzen Frack etwas an den Pinguin-Mann aus einem Batman-Film erinnert − und dem Roncalli-Orchester, geht es weiter mit der fantasievollen und bezaubernd präsentierten Vorstellung des Venezulaners Aime Morales. Der kurz »Ai’moko« genannte Künstler wirkt in seinem einteiligen weißen Overall wie ein pelziges fremdartiges, flughörnchenartiges Wesen aus einer anderen Welt, während er sich wie ein kleiner Prinz den Sternenstaub aus den Haaren schüttelt und vorsichtig ersten Kontakt zu seinem Cyr-Rad aufnimmt. Zweifelsohne zählt die rundum gelungene, fantastische Darbietung des beim »Festival Mondiale du Cirque de Demain« 2014 in Paris mit der Goldmedaille und drei weiteren Preisen ausgezeichneten jungen Nachwuchskünstlers, zu einem der Höhepunkte im Circus Roncalli-Jubiläumsprogramm.

Blitzschneller Szenenwechsel vom Traumland zurück auf die Erde: Bühne frei für den erst 17-jährigen Ty Tojo, der spätestens als Wunderkind der Jonglierwelt gilt, als er im Alter von 9 Jahren beim »Boulder Colorado Juggling Festival« mit Gold als »Most promising Entertainer« ausgezeichnet und nur zwei Jahre später den Weltrekord im sogenannten Back-Cross-Jonglieren brach. Der überaus talentierte Newcomer, der zuletzt 2012 in Monte Carlo als bester Nachwuchskünstler ausgezeichnet wurde, glänzte bereits in der im Herbst 2015 im Düsseldorfer Roncalli Apollo Varieté gastierenden Viva Las Vegas-Show und begeisterte dort − wie auch jetzt bei der Jubiläumstour − das Publikum mit seiner mit äußerster Präzision vorgetragenen Jongliernummer. Beindruckend, wie der junge Amerikaner mit japanischen Wurzeln zum Höhepunkt seiner Show scheinbar mühelos in rasantem Tempo insgesamt 7 Tennisbällen gleichzeitig − sogar hinter seinem Rücken in der schwierigen »Back-Cross«-Variante − hoch in die Luft wirbeln lässt. Ty Tojo, ebenfalls ein Name, den man sich merken sollte.

Den letzten Auftritt des kurzweiligen Zirkusbesuchs bestreitet Robert Wicke. Wer gedacht hat, dass das Multitalent aus Hannover nur Comedy und Beat-Box drauf hat, hat sich getäuscht: Erst zaghaft angedeutet mit einigen Bällen, aber dann immer professioneller, steigert sich junge Mann von Minute zu Minute, läuft zur Höchstform auf und zeigt das ganze Repertoire seiner Jonglierkünste, indem er erst mit 3, dann 4 und zum guten Schluss mit 5 Kegeln jongliert, die er sich zum Teil vom Publikum zuwerfen lässt und ins Spiel integriert. Hanna, seine junge Assistentin aus dem Zuschauerkreis hat es ihm besonders angetan. Robert − der auch Luftballonfiguren modellieren kann − pustet einen roten Ballon auf und knotet ihr einen süßen kleinen Hund. ♥ Good bye − ihr zwei! Kann man sich ein poetischeres Ende für eine rundum gelungene Jubiläumsshow vorstellen?

Zum Finale kommen noch einmal alle Künstler in die Manege, werfen bunte Luftballons ins Publikum und fordern die glücklichen Fänger zu einem Walzertänzchen auf.

Wir fanden den Nachmittag im Circus Roncalli fantastisch. Die hervorragend inszenierte und choreographierte Show samt allen Mitwirkenden vor und hinter dem Vorhang, hat wieder einmal begeistert und dem mittlerweile legendären Namen »Circus Roncalli« alle Ehre gemacht. Kein anderer deutscher Zirkus schafft es, so gelungen einen bunten Regenbogen − zwischen Nostalgie, Romantik, Poesie und Comedy auf der einen, und Artistik & Akrobatik auf der anderen Seite − zu spannen, wie Bernhard Paul’s vor 40 Jahren erschaffenes Lebenswerk:

Circus Roncalli.

Nicht zufällig wird man im Circus Roncalli traditionell mit den Worten »Werden Sie Kind, werden Sie Clown« begrüßt.

Wer Zirkusluft liebt und Lust hat auf Manege »live«, hat noch bis zum 10. April Gelegenheit, die Familie Paul, ihr eingespieltes Team und alle handverlesenen gastierenden Spitzenkünstler  auf ihrer Jubiliäumstournee 2016 in Recklinghausen zu erleben.

Danach geht die Jubiläumstournee »Reise zum Regenbogen« weiter nach Köln und Düsseldorf und von da aus in viele weitere deutsche Städte. Dieser Link führt Sie direkt zur Circus Roncalli-Webseite!

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